„Konzerte“ an (un)gewöhnlichen Orten - eine Klang - Bild - Text Collage zu verschiedenen Chorälen

Textzeilen und Melodien aus bekannten Chorälen werden an verschiedenen Orten aufgeführt und geben den Erfahrungen während der Coronazeit einen besonderen Ausdruck.

Der meditative und stille Rhythmus der Bild- und Textsequenzen lädt zum Gebet und Innehalten ein. Das Projekt von Sebastian Kuhn wurde durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen gefördert und wir geben es gern als Empfehlung weiter.

Das Video finden Sie hier.


Corona-Tagebuch

Es gibt schon einige Corona-Tagebücher im Netz und nun auch bei uns. Wir haben Menschen, die eine Verbindung zur Kirche in Sachsen haben (und mag sie auch eher lose oder kritische distanziert sein) gebeten, hin und wieder einige Gedanken für uns aufzuschreiben. Was bewegt Euch gerade mit Blick auf die Kirche oder den Glauben? Hält die "Corona-Krise" unerwartete geistliche Einsichten bereit? Hilft sie uns dabei, einer Kirche auf die Spur zu kommen, wie wir sie uns generell für die Zukunft wünschen? Oder gerade nicht?

11. April 2020 Jonathan L.

Morgen ist Gottesdienst. Wieder bei uns zu Hause. Am Frühstückstisch. Ganz in Familie – wir als Eltern mit unseren Kindern. Morgen ist Ostern…

Ich als der Religionspädagoge der Familie ;-) bin mit der Vorbereitung und Durchführung der sonntäglichen Gottesdienste während der „Corona-Ferien“ (wie die Kinder sagen)  betraut. Naja. Vielleicht sollte ich es nicht Gottesdienst nennen. Es ist meist ein Hören auf eine biblische Geschichte. Miteinander reden und nachfühlen. Auch Fragen stellen und theologisieren darüber, was die Geschichte oder das Thema des Sonntags mit uns zu tun hat. Was Gott uns sagt. Doch, ein Gottesdienst ist es – mit Brötchen, Marmelade, Kerze, Äpfeln, Käse, Bibel und Cappuccino.

Wenn ich Ostern mit einem Wort treffen müsste, welches wäre das? Schön muss es sein. Und geheimnisvoll. Entsetzen und Freude müssen darin schimmern. Und natürlich Verwunderung…

Ich lese die Ostergeschichten in den Evangelien. Nacheinander. Die Erzählungen am Grab mehrmals. Wenn ich Ostern mit einem Wort treffen müsste, welches wäre das? Ein Wort, das besonders gut passt...

Ich suche das Scrabble-Spiel heraus. Lege auf jeden der sechs Frühstücksteller sechs gleiche Buchstaben. D, S, A, N, R, E.  Sinn ergibt es nur, wenn wir zum Frühstück die Buchstaben miteinander teilen. Ebenso unsere Gedanken zu den so unterschiedlichen Auferstehungsgeschichten. Dann finden wir vielleicht auch das Wort, das Ostern so gut trifft. Und dass etwas davon beschreibt, wie die Menschen damals und wir heute Ostern empfinden und verstehen. Und dass es eben dann doch nicht so wird, wie wir es erwarten: ANDERS. (Oder DR NASE?)

12. April 2020 Heike T.

Was für ein fantastischer Frühling! Ich singe: "Die ganze Welt, Herr Jesu Christ, in deiner Urständ fröhlich ist, Halleluja..." Aber die ganze Welt verharrt eher in Schockstarre vor einem Virus. Wie viele Seuchen vor ihm hat es die erprobten Handelswege genommen, diesmal vorwiegend fliegend, und dominiert nun allabendlich die Bildschirme kugelig mit roten Stachelblüten oder grau verschwommen mit trichterartigen Ausstülpungen. Mit ihm ist auch der Tod, bisher erfolgreich von uns verdrängt, nur allzu beängstigend sichtbar geworden. Ein besonders perfider Tod. Man erstickt. Ja, es ist ein Kreuz mit Corona.

Ostern 2020 ist so zu einem buchstäblich merkwürdigen Fest geworden. Keine Rede von Festlichkeit. Kein Gottesdienst, kein Osterlicht, das nach und nach das Dunkel der Kirche erhellt, kein Orgelbrausen, kein Abendmahl. Sang- und klanglos. Nicht mal ein Händedruck, schon gar keine Umarmung. Dafür Abstand, Distanz, Zuhause-bleiben. Gut möglich, dass es am Ursprung des Festes ähnlich war. Menschen sitzen in ihren Häusern schockiert, verängstigt, hilflos. Beieinander vielleicht und doch distanziert. Bloß nicht hinausgehen. Das könnte lebensgefährlich werden. Und dann diese unglaubliche Nachricht! Diese lebendige Hoffnung gegen alles Lebensbedrohliche, Tödliche. Sie gehen hinaus.

Ich bin sehr froh, dass M mich auf diesen Flashmob hingewiesen hat. So stehe ich mit meiner einen Tochter Ostern auf der Terrassse und singe "Christ ist erstanden von der Marter alle..." Und ich weiß, dass die andere Tochter weit entfernt auf ihrer terrasse es ebenfalls und genau in diesem Moment singt. Nähe über Hunderte Kilometer hinweg.

Eben Ostern!

4. Mai 2020 Ulrike L.

Ich habe mich diebisch gefreut am Sonntag. Und freue mich heute noch. Ja, diebisch ist das richtige Wort: Weil es nach all den Wochen des Verbotes etwas Heimliches, gefühlt nur Halb-legales hatte, sich in unserer kleinen Kirche zu treffen, um wieder miteinander zu singen. Nach den Wochen im Zoom- Modus: Zur Chorprobe am  Sonntagabend die anderen nur auf dem Bildschirm sehen und natürlich immer nur eine Person hören zu können, ist zwar besser als nichts, hat aber nur wenig Ähnlichkeit mit gemeinsamem Singen. Nun also dürfen wieder 15 Menschen in einer Kirche sein. Und wir haben gesungen; endlich! In zwei „Schichten“ zwar, zu je 15 SängerInnen. Zwischendurch ein Text, auch ein Gebet. Offiziell eine Chorandacht. War auch nicht schlimm. Eigentlich sogar schön. Und wunderbar, uns wiederzusehen und vielstimmig zu sein: jedeR mit seiner Stimme und Melodie, und doch zusammen einen vielfarbig leuchtenden Klangteppich webend.  Und es rührt mich, zu erleben, dass Kirche wieder mal zum Zufluchtsort wird. Ich erinnere mich an die schwierige Zeit von Pubertät und beginnender Adoleszenz in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren. Auch damals war zunächst genau diese Stötteritzer Gemeinde Zuflucht für mich geworden. Aus dem überzeugt atheistischen Elternhaus „Die Kirche ist das reaktionärste Element in der Geschichte der Menschheit!“, landete ich über Freunde zuerst in der Christenlehre, wo mich Freundlichkeit und schöne Geschichten aus der Kinderbibel anzogen, und später am wohl wichtigsten Ort meiner damaligen Ich-Werdung: Im JG - Keller. Ein Erwachsenwerden ohne diese Zeit der Gespräche, der Diskussionen, der Lieder und der Verbundenheit kann ich mir rückblickend gar nicht vorstellen. Die Erfahrung, gemeinsam oben im Jugendpfarramt - Turm Pläne zu schmieden, in denen immer auch die Gefahren der Kollision mit den Ausführenden des real existierenden Sozialismus berücksichtigt werden mussten, - auch das war damals gefühlt irgendwie „halblegal“: misstrauisch geduldet, aber nicht erwünscht. Und auch dadurch spannend. Aber vor allem war es, wie am Sonntag unser Singen ermutigend und schön;  nämlich gemeinsam.

10. Mai 2020 Matthias D.

Heute ist Sonntag Kantate, „Singet“. Ein Tag voller Musik. Normalerweise. Heute aber eher mit gedämpfter Stimme. Die ersten Lockerungen sind im Gange oder in Aussicht. Was die Chöre angeht, wird es aber wohl noch eine Weile dauern. Konzerte sollen bald auch wieder stattfinden. Ob die Hygiene-Auflagen bei unseren Konzerten umsetzbar sind? Keine Ahnung. Darum sitze ich nun wie so oft in dieser Zeit vor dem Rechner und versuche in den Weiten des Internets etwas Gemeindearbeit zu hinterlassen. Nebenbei kurz an die Orgel, um die Musik nicht ganz zu vergessen. Die Arbeit ist zurzeit voller Versuche. Versuche was ankommt, was die Leute erreicht und was sich auch umsetzen lässt. Zwischendurch kurz recherchieren was die Kollegen so machen. Ein Podcast? Wäre vielleicht was für die Chöre, um die probenfreie Zeit zu überstehen.

Warum eigentlich nicht? Wir sind gezwungen neue Wege zu gehen in dieser Zeit. Und zu vertrauen, dass etwas ankommt von der Botschaft und dass wir Gott  auch auf diesen doch so ungewohnten Wegen nahe sein können.

Eine Chorsängerin meinte beim telefonieren: „Wie schön, Ihre Stimme zu hören“. Leider wird sie den Podcast wohl nie hören können. Es ist nicht ihr Format. Aber vielleicht hilft es ja anderen. Die Chorsängerin wird ihn dann wohl als Brief bekommen. Damit die Botschaft auch bei ihr ankommt. Nur die Musik lässt sich so leider nicht transportieren.

21. Mai 2020 Cornelia R.

Der den ihr sucht, ist nicht hier – Fürchtet euch nicht! Heute ist Christi Himmelfahrt. Der Osterfestkreis schließt sich. 40 Tage nach Ostern denke ich noch einmal an das Osterfest. An die Gedanken vorher, an die Fragen, an die Angst: Wird es überhaupt Ostern werden ohne Osternacht und ohne Familiengottesdienst in der Kirche , ohne Osterfrühstück in der Gemeinde? Eine Freundin schrieb genau zu rechten Zeit: Ostern ist. Und Ostern war - vor 40 Tagen. Auf dem Platz vor der Kirche blühte ein Baum mit Ostersegen zum Mitnehmen. Viele Menschen waren draußen in der Sonne, beim Vogelgezwitscher, auf dem Osterweg um unsere Kirche. Jemand sagte zu mir: Alles, was du uns drinnen in der Kirche von Ostern erzählt hast, ist dieses Jahr draußen. Und ich denke an das Osterevangelium: Er ist nicht hier. Er ist auferstanden. Und geht hin. Da werdet ihr ihn sehen. Und Ostern ist immer noch, wo ich den Auferstandenen draußen suche, von ihm erzähle und er mich draußen findet.

25. Mai 2020 J. Leistner

Als jemand, der weitestgehend versucht, sich bewusst und gründlich an die geltenden Abstands- und Hygienevorschriften zu halten, könnte ich mich aufregen:

  • über jene, denen das alles egal ist.
  • über jene, die es noch strenger nehmen als ich.
  • über jene, denen die Regeln nicht gut genug bekannt sind.
  • über jene, die in der Handhabung einer Mund-Nase-Bedeckung nicht ausreichend unterrichtet wurden.
  • über jene, die keine Ahnung haben, was 1,5 m sind.
  • über jene, die eine Ellenbogenbeuge nicht von einem Unterarm unterscheiden können.
  • über jene, die beim Händewaschen das „Vaterunser“ viel zu schnell sprechen.
  • über jene, die es nicht genauso machen, wie ich.
  • über jene, die das jetzt alles schon wieder lockern wollen, wo ich mich so gut dran gewöhnt habe.
  • über jene, die es nicht schaffen, sich einfach mal um ihren eigenen Kram zu kümmern…

… kyrie eleison.

11. Juni 2020 Jonathan L.

Mittlerweile komme ich mir ab und zu schon ein bisschen blöd vor. Abstand wahren, Hygieneregeln beachten, Kontaktbeschränkungen einhalten, wo es viele schon nicht mehr so richtig ernst nehmen. Oder habe ich eine Verordnung verpasst? Oder habe ich die Aufhebung einer geltenden Verordnung versäumt? Oder habe ich mich unvernünftigerweise von meiner Vernunft verabschiedet und halte an Regeln, Ordnungen und Geboten fest – welche für die allgemeine Realität keine Bedeutung mehr haben?

Und da ist er wieder – der seltsame Spiegel: Corona guckt hinein und meine Kirche schaut heraus.
An welchen Regeln, Ordnungen und Geboten halten wir als Kirche (vielleicht auch persönlich als Christen) fest, die für eine allgemeine Realität keine oder nur noch wenig Bedeutung haben? Keine Bedeutung haben in dem Sinn, dass sie nicht dem Menschen dienten und keine hilfreichen Instrumente für den Gesamtklang im Orchester des Lebens wären.

Jesus hätte solche bedeutungsschwachen Dinge wohl in Frage gestellt? (Zumindest hat er es damals zu seiner Zeit auf Erden getan.) Was dürfen wir an unserem Glauben und an unserer Kirche (deren Teil wir sind) in Frage stellen? Und was müssen wir vielleicht sogar in Frage stellen, wenn wir Jesus folgen wollen? Mir fällt da einiges ein, doch ich will mich hier nicht um Kopf und Kragen schreiben…

Da komme ich mir doch lieber weiterhin noch ein bisschen blöd vor.